Warum DNE?

Dr. Bernd Wagner

Die Idee für das DNE ist im Zuge der Professionalisierung des Case Managements bei EXIT-Deutschland und dann HAYAT-Deutschland schon in den der ersten Hälfte der 2000er Jahre in „operativen“ Arbeitszusammenhängen entstanden.

Die Beratung von Aussteigenden aus ideologisch-politisch-religiös radikalen und politisch extremistischen Gruppen und Netzwerken, die Hilfen für damit verstrickten Familien mit dem Ziel der Deradikalisierung und die Begleitung Aussteigender, oft mit ihren Kindern und anderen Familienangehörigen, haben den Bedarf deutlich gemacht, psychologische, psychotherapeutische und sozialpsychiatrische Kompetenzen stärker in das komplexe Case Management einzubeziehen. Dazu kamen die vielfältigen psychologischen Fragestellungen in der Auseinandersetzungen mit extremistischen Personen und Strukturen in Sozialräumen, Dörfern, Städten, Einrichtungen, Unternehmen, die im Rahmen des ZDK-Community Coachings bekannt wurden.

Von daher lag es auf der Hand, ein Diagnostisch-therapeutisches Netzwerk Extremismus (DNE) zu konzipieren und zu erproben, ob die aus der Praxis entnommene theoretische Modellierung funktionell, hilfreich und auch wirksam ist.

Die Praxiserfahrungen und daraus extrahierten Erfordernisse, der spezifischen Bearbeitung auch sinnvoller Weise psychologisch zu sehender Sachverhalte, resultierte nicht nur aus dem Case Management in Distanzierungs- und Ausstiegsprozessen sowie dem Community Coaching.

Reflektiert wurden die Erfahrungen im Bereich der (kriminal-) polizeilichen Arbeit, der Strafjustiz und des Justizvollzugs. Erfahrungen des Sicherheits-, Risiko- und Gefährdungsmanagement fanden Eingang in die Gründungsüberlegungen für das Diagnostisch therapeutische Netzwerk Extremismus (DNE).

Das DNE will als Modellprojekt der Bundesregierung einen fachlich spezifischen Beitrag zur Deradikalisierung leisten, indem es multiprofessionelle Kooperationen mit im weitesten Sinne psychologischen Implikationen aufbaut und auf diese Weise das Arbeitsfeld der Deradikalisierung und Ausstiegs- und Integrationshilfen aus Extremismus und Gewalt insgesamt stärkt, wozu auch ein psychologischer Beitrag einer (Wieder-) Willkommenskultur ehemaliger Extremisten gehört, die sich heute in ihrem Leben freiheitlichen und menschenrechtlichen Werten orientieren wollen und von daher ihre Persönlichkeit neu orientieren und entwickeln.

Das DNE beschreitet fachlich und organisatorisch einen neuen Weg in der Auseinandersetzung mit Radikalisierung und extremistischer Gewalt. Denn die Auseinandersetzung mit extremistischen und weltanschaulich-ultraradikalen Erscheinungen, Lebensweisen- und Aktionsbewegungen. Erscheinungen des Ultranationalismus, Rechtsextremismus und Islamismus, des Linksradikalismus und der anderer militanter Weltanschauungsbewegungen waren bislang fast eine Domäne der Sicherheitsbehörden, der Justiz, der politischen Bildung und der sozialen Arbeit, dort insbesondere mit pubertierenden Jugendlichen gewesen. Ausnahmen bildeten Entwicklungen In der sogenannten Sektenberatung.

In der DDR gab es, im Rahmen eines Reformansatzes der späten 1980er Jahre, mit der Entwicklung in der forensischen Psychologie und der Herausbildung einer sozialtherapeutischen Linie, mit einer universitären Ausbildungsstrecke in Berlin, eine eigenständige Entwicklung, die bis in Kriminalistik durchschlug.
Nach 1990 flossen diese Erfahrungen in die Arbeit der ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH ein.

Als Teil eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes zur Prävention, Präemption und Deradikalisierung extremistischer Orientierungen, Bestrebungen und Bindungen will das DNE die konzeptuellen und praktischen Möglichkeiten der Psychologie und ihrer Teilgebiete (z.B. der Familienpsychologie, der forensischen Psychologie …), der Sozialtherapie, der Psychotherapie, Sozialpsychiatrie und psychosozialen Kriminologie (z.B. im Bereich deliktpräventiver Therapien) noch stärker erschließen.

Die Arbeit des Diagnostisch-therapeutischen Netzwerkes Extremismus (DNE) berührt in intensiver Weise die Wertegrundlagen des Zusammenlebens im demokratischen Rechtsstaat, der rechtliche und ethische Fragen verknüpft.